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Ein Gegner der Zeit mit Stecknadel im Revers 18.02.2013


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Franz Müntefering im Glashaus, Foto: Julia Moras
(Holle) Ehemaliger Vizekanzler zu Gast im Glashaus: Ein entspannter Franz Müntefering spricht auch über Privates

„Herr Müntefering, Sie haben da was.“ Der 73-Jährige fasst sich ans Revers seines dunklen Anzuges und zieht eine Stecknadel mit einem orange-farbenen Köpfchen aus dem Zwirn. „Die ist nicht etwa in der Reinigung vergessen worden, das ist ein Erkennungszeichen aus dem Willy-Wahlkampf 1972“, sagt er, dreht die Nadel kurz in der Hand und steckt sie sich wieder an. Die Stecknadel war in den 1970-er Jahren das Erkennungszeichen der Genossen und der SPDSympathisanten. Seit 1966 gehört der gelernte Industriekaufmann der SPD an. 1969 saß er für die Sozialdemokraten im Stadtrat von Sundern, war später SPDVorsitzender, Vizekanzler, Bundesminister für Arbeit und Soziales in der großen Koalition. Nach Wolfgang Schäuble ist er der dienstälteste aktive Politiker. Er ist zu Gast im Derneburger Glashaus. Die Holler SPD hat zu Matjesessen, einer Benefizveranstaltung, eingeladen.

Seitdem er von der großen politischen Bühne abgetreten ist, fällt die Terminhektik weg. „Ich kann mein Leben wieder selbst bestimmen, kann sagen: Och, ich fahr jetzt mal nach Holle.“ Da musste er nicht lange überlegen, als er die Einladung vom Parteikollegen Bernhard Brinkmann bekam. Müntefering kommt an diesem Tag direkt aus Herne. Die Zugfahrt kann der Politiker in der Regel genießen, 95 Prozent der Menschen bekunden ihm durch ein Kopfnicken oder ein Lächeln, dass sie ihn erkannt haben. Gespräche, die mit der Einleitung: „Was ich Ihnen immer schon mal sagen wollte, ...“, beginnen, bleiben in der Regel aus.

Auch im Derneburger Glashaus ist das so. Der Applaus bei der Vorstellung zeigt, dass der Mann sehr willkommen ist, doch die Gelegenheit zum Gespräch nutzt kaum jemand. Außer natürlich seine Tischnachbarn Bernhard Brinkmann, Landrat Reiner Wegner und der Holler SPD-Chef Bernd Leifholz. Der frotzelt: „Franz, du bist ja alles gewesen. Außer Papst.“ „Die Stelle ist doch jetzt frei“, wirft Brinkmann ein. Müntefering, die Hände vor sich auf dem Tisch gefaltet, lacht und schüttelt den Kopf.

2007 verabschiedete sich der kantige Sauerländer aus der großen Politik. Er wollte Zeit für seine sterbenskranke Ehefrau Ankepetra haben. Ein Schritt, der ihm viel Anerkennung einbrachte. Doch wie waren die Reaktionen, als er, ein Jahr nach dem Tod seiner Frau, 2009 der 40 Jahre jüngeren Michelle Schumann sein Ja-Wort gab? „Es gab wenig offene Reaktionen“, erinnert er sich. Wohlwissend, dass dieser Schritt durchaus kritisch beäugt wurde. Die meisten aber hätten gesagt: „Jeder muss wissen, was er tut.“ Er sei einfach nur froh gewesen, wieder einen Anker zu haben. „Durch Michelle habe ich auch meine gesundheitliche Stabilität wieder gefunden“, erzählt er ganz offen. Für sie verließ er sein geliebtes Sauerland, wohnt mit ihr nun in Herne, im Ruhrpott. Dort kämpft seine Frau um den Einzug in den Bundestag. Ist es manchmal unangenehm für die Gattin, stets mit dem SPD-Urgestein Franz in Verbindung gebracht zu werden – wie bei den Schröders? „Sicherlich“, sagt der Ehemann. Doch seine Frau ist schon seit zehn Jahren in der Politik aktiv, ist seit 2004 Mitglied des Herner Stadtrates. „Sie wäre diesen Weg auch ohne mich gegangen.“ Mit Michelle Müntefering würde der Name zumindest dem Bundestag erhalten bleiben. Denn Franz Müntefering kandidiert 2013 nicht wieder. Er habe schon 2009 mit dem Gedanken gespielt, ganz aufzuhören. „Aber die ballistische Kurve des Lebens sollte nicht auf einen Schlag aufhören“, sagt er. Doch jetzt sei es Zeit. Auch ohne Mandat gebe es genug Möglichkeiten, in Gang zu bleiben.

Mit Hobbys etwa? Müntefering überlegt ein paar Sekunden. „Hört sich doof an, wenn ich jetzt ,lesen’ sage, oder?“ Aber mehr fällt ihm nicht ein. Kochen vielleicht? „Ich kann noch nicht mal Wasser zum Kochen bringen“, erklärt er. Ganz im Gegensatz zu den Holler Hobbyköchen, die den Abend im Glashaus organisiert haben. Matjes tischen sie auf, mit selbstgemachter Sahnesoße, Speckbohnen und einer Ofenkartoffel. Der prominente Gast lässt es sich schmecken. Gekonnt pult er die Schale von der Kartoffel, vermengt sie mit der Sahnesoße. Dazu gönnt er sich ein Bier. „Noch einen Fisch, Franz?“, fragt Klaus Schütz. Wie alle Holler Sozialdemokraten trägt er an diesem Abend weißes Hemd und dunkle Schürze. Obwohl die Serviette schon auf dem Teller liegt: „Ach klar, tu auf“, vorsichtig legt er das Tuch zur Seite. Schwups steht auch schon ein frisches Bier vor ihm.

Wein? Nein, den möge er nicht so. „Da ist ja kein Schaum drauf“, sagt er mit seinem lang rollenden „Sauerland-R“ und lacht. Bier passt außerdem besser zu seinen Leibgerichten, wie Linsensuppe mit Würstchen oder dicke Bohnen mit Speck. Neben dem halbvollen Glas liegt das Handy des Politikers. Ein älteres Modell. „Ein Smartphone brauche ich nicht. Ich muss damit nur telefonieren und SMS schreiben können“, sagt der Mann mit den akurat gekämmten dunklen Haaren. „Na, und es muss dir die Zeit anzeigen“, ergänzt Reiner Wegner. „Stimmt“, nickt Müntefering. Er trage nämlich nie eine Armbanduhr. „Ich bin ein Gegner der Zeit“, sagt er, schmunzelt und lehnt sich zurück. Er fühlt sich offenbar wohl, so wie die anderen Gäste, die rechtzeitig eine Eintrittskarte ergattert hatten, auch. Darunter Peter Deicke, der am Ende des Abends sagt: „Da bin ich 82 Jahre alt geworden und besuche meine erste politische Veranstaltung. War gar nicht schlimm.“

Das Display des Handys ist dunkel, eine Uhr ist nicht im Raum. Der einstige Vizekanzler plaudert entspannt mit Wegner und Brinkmann, ab und zu wandern seine wachen Augen durch den Raum. Nur gut, dass Bernd Leifholz die Zeit für „Münte“ im Blick hat: „Franz, wir müssen jetzt los, wenn du den Zug viertel vor neun noch schaffen willst!“

 

Sozialstaat in der Verantwortung

Matjes auf dem Teller und Spenden in der Kasse – das ist das Ziel des Benefiz- Essens im Glashaus. In diesem Jahr soll der Verein für krebskranke Kinder Hannover bedacht werden. Werner Philipps aus Hackenstedt stellt den Verein, der vor 33 Jahren von betroffenen Eltern gegründet wurde, vor.

Das Geld, so Philipps, wird dringend benötigt, um die drei Toiletten auf der Kinderkrebsstation der MHH umzubauen. „Die sind so eng, da kommen die Patienten mit den Infusionsständern gar nicht rein. Also muss die Tür offen bleiben. Das ist menschenunwürdig“, erklärt der Hackenstedter. Viele Projekte unterstützte der Verein bereits, so konnten etwa Elternwohnungen ganz in der Nähe des Krankenhauses gebaut werden.

Eine wichtige Sache, meint SPDGrande Franz Müntefering, der als Gastredner geladen war. Sein Thema an diesem Abend soll die Pflege sein. Die Diagnose Krebs betrifft die ganze Familie. Und die soll die Last nicht alleine tragen müssen. Auch dafür sei 1997 die Pflegeversicherung – eine der fünf Säulen des Sozialstaates – eingeführt worden. Diese Versicherung, so der 73-jährige Politiker, müsse jedoch dringend nachgebessert werden. Bei der Verabschiedung des Gesetzes habe man beispielsweise nicht an die Demenzkranken gedacht. „Das ist sehr peinlich. Denn diese Erkrankung nimmt stetig zu. „Sie verdoppelt sich bis 2030“, so Müntefering. Die Frage, wie die Pflege – nicht nur von Dementen – organisiert werden kann, die gelte es nun dringend zu lösen.

Auch dem Thema Tod weicht Müntefering nicht aus. „Ich weiß, wovon ich rede. Es muss alles dafür getan werden, dass die letzte Lebensphase auch eine gute ist. Dazu gehört, dass die Schmerzen verantwortlich reduziert werden.“ Das müsse der ethische Anspruch an die Gesellschaft sein. 1983 ist in Aachen das erste Hospiz für Erwachsene eröffnet worden. Inzwischen gibt es gut 100 derartige ambulante Einrichtungen in Deutschland. Doch das sei noch zu wenig. 40 Prozent der Deutschen sterben nach nur drei oder vier Monaten Belegzeit in Altenheimen. Die seien aber eben keine Hospize oder Krankenhäuser und nicht entsprechend eingerichtet. Da gilt es nachzubessern. „Ja“, nickt Müntefering, „das kostet Geld, dafür sind Spenden gut. Aber der Sozialstaat steht hier in der Verantwortung.“

Für seinen frei gehaltenen Vortrag, der mit den Worten endet: „Man muss nicht traurig sein, wenn man über das Ende des Lebens spricht. Denn jede Phase hat schöne Zeiten“, bekommt er langen, kräftigen Applaus.


Artikel von Andrea Hempen aus der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung vom 18.02.2013